Es gibt Plattenlabels, die man an ihrem Sound erkennt, bevor man den Namen kennt. Sulatron Records ist so eines. Zwei Jahrzehnte lang stand der Name für alles, was in den weiten Umlaufbahnen des Psychedelic-Kosmos treibt. Flirrend, eigensinnig, herrlich abseits des Mainstreams. Und beinahe wäre diese Reise zu Ende gewesen. Beinahe.
Zwanzig Jahre am äußeren Rand
Gerade erst jährte sich zum zwanzigsten Mal der Tag, an dem Sula Bassana sein wundervoll kauziges, psychedelisch-experimentelles Label Sulatron Records aus der Taufe hob. Was als Herzensprojekt begann, wuchs über die Jahre zu einer kleinen Institution: Mehr als zweihundert Tonträger sind auf Sulatron erschienen, quer durch die Genres, die sich dem konventionellen Radio schon immer entzogen haben. Progressive Rock, Space Rock, ausufernder Jam, Krautrock, dazu Ausflüge in Neo- und Postrock. Sulatron war nie ein Label mit klarem Schubladendenken, sondern eher ein Sammelbecken für alle, die den langen musikalischen Bogen dem schnellen Refrain vorziehen.
Doch dann schien plötzlich alles vorbei. Den 58-jährigen gebürtigen Berliner plagten gesundheitliche Probleme, und mit ihnen stellte sich die Frage, die kein Fan hören wollte: Ist es vorbei mit Sulatron?
Der Neuanfang
Es war nicht vorbei. Dave und ich kannten uns schon länger und als klar wurde, dass er Sulatron aufgeben will, stand die Entscheidung nach gründlicher Überlegung fest: Dieses Label darf nicht sterben, dafür ist es zu wichtig für die Psych-Szene. Es geht dabei nicht um ein Geschäftsmodell, sondern um Bewahrung, um das Bewusstsein, dass eine Szene ihre Anlaufstellen braucht, ihre Katalognummern, ihre verlässlichen Adressen für das Ungewöhnliche.
Anfang des Jahres wechselte die Firma den Besitz und gleich auch den Standort: Von Hessen zog Sulatron ins badische Lörrach, direkt an der Schweizer Grenze, mitten im Dreiländereck. Der Ort hat sich geändert, die Spirit nicht.
Behutsame Modernisierung
Das Erbe soll nicht einfach nur konserviert, sondern weitergeführt werden. Mit Respekt vor dem Bestehenden und einem Gespür für das, was heute notwendig ist. An der Grundphilosophie des Labels ändert sich als „One Woman Show“ nicht viel, sie bekommt nur einen etwas moderneren Anstrich. Dazu gehört, dass mit dem Fotografen Steffen Albrecht ein Kreativer mehr an Bord ist. Er übernimmt, zusätzlich als Autor, die Konzert- und Festival-Reviews, die künftig auf der neuen Sulatron-Website zu finden sein werden. Schließlich lebt dieser Kreis von Kreativen davon, auf Bühnen zu stehen.
Das ist der Kern der Sache: Für Space Rock, Kraut und Jam ist die Bühne kein Beiwerk, sondern das eigentliche Habitat. Hier entstehen die langen Improvisationen, die endlosen Grooves, die ekstatischen Momente, die sich auf keiner Studioaufnahme vollständig einfangen lassen. Wer diese Szene ernst nimmt, muss ihre Konzerte erleben und davon berichten und genau das ist geplant.
Vom Shop zum Blog und über den Tellerrand hinaus
Die Neuausrichtung geht über das Redaktionelle hinaus. Sulatron soll eine lebendige Plattform werden. Das Geschehen wird upgedatet: Neben dem Label-Shop entsteht eine Website mit Blog-Charakter. Auch das musikalische Spektrum wird erweitert. Space Rock ist meine Heimat, Heavy Jazz meine große Liebe und genau aus dieser Szene soll künftig Musik erscheinen. Erste Kontakte, etwa zu norwegischen Labels, sind bereits geknüpft, und die freuen sich auf Kooperationen.
Damit öffnet sich Sulatron neuen Klangwelten. Der Sprung vom Space Rock in Richtung Heavy Jazz ist gar nicht so weit, wie er auf den ersten Blick scheint. Beide leben von Intensität, von kollektiver Energie, vom Mut zur Länge und zur Reibung und Dissonanz. Und die skandinavische, gerade die norwegische Szene gilt seit Jahren als eine der spannendsten Anlaufstellen für genau diese Grenzüberschreitungen. Kooperationen über Ländergrenzen hinweg können dem Label einen frischen Anstrich geben, ohne die eigene Identität zu verwässern.
Ein bisschen Chaos gehört dazu
Ganz ohne Turbulenzen lief die Staffelübergabe von Dave natürlich nicht ab. Ein wenig chaotisch war es schon, das. Aber mal ehrlich: Ohne Chaos funktioniert diese Szene nicht.
Der Psychedelic-Rock hat sich nie um Ordnung geschert, um klare Kanten, um saubere Übergänge. Er lebt vom Wildwuchs, vom Zufall, von der Freiheit, sich zu verlieren.
Die Reise geht also weiter. Anderer Standort, neue Chefin, gleicher Geist. Sulatron treibt weiter durch seinen ganz eigenen Kosmos.